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Aktuelles Interview mit Rainer Plum

„Gesicht zeigen“
 

Biokost ist allgegenwärtig. Ob bei den Lebensmittelmärkten oder den Discountern, keiner kann es sich heute mehr leisten, Öko-Lebensmittel zu ignorieren. Bio sei kein Trend mehr, sondern eine feste Größe im Supermarktregal, teilte die „Lebensmittezeitung“ zur Foodmesse „Anuga“ mit. Doch welche Auswirkungen hat der Bio-Boom auf die Qualität der Lebensmittel? Ist es gut, dass es nun reichlich Bio-Kost zum kleinen Preis gibt oder tut umsteuern Not? Die new ethics-Redaktion sprach mit dem new ethics-Gründer, Unternehmensberater und Bio-Experten Rainer Plum.

New Ethics: Inzwischen tragen rund 42.000 Lebensmittel das staatliche sechseckige Bio-Siegel. Ist das tatsächlich alles Bio? 

Rainer Plum: Es gibt die EU-Öko-Verordnung, die Vorschriften für die Erzeugung von Bio-Produkten macht, denen alle Lebensmittel, die das Siegel tragen, entsprechen müssen. Von daher ist das formal alles Bio.

? Dann sind die Öko-Karotten von Aldi also dasselbe wie die Möhre vom Demeterhof?

! Für die Kunden ist nicht immer erkennbar, was hinter den Bio-Produkten vom Discounter steckt, weil dies nicht gekennzeichnet werden muss. Grundsätzlich aber gibt es mehrere Bio-Qualitäten. Eben die, die den EU-Vorgaben entsprechen und die, die zudem die Richtlinien eines Anbauverbands wie Demeter oder Bioland erfüllen.. 

? Dann ist Bio nicht gleich Bio?

! Es gibt deutliche Unterschiede. Ein Landwirt, der nach den EU-Vorgaben produziert, kann zugleich auch konventionelle Landwirtschaft betreiben, also nur den halben Hof nach Bio-Vorschriften bewirtschaften. Dadurch besteht die Gefahr, dass es zur Vermischung zwischen konventioneller und Bioware kommt. Es ist ihm auch möglich, konventionelles Futter und Düngemittel zuzukaufen, was bedeutet, dass die Tiere nicht nur Biofutter erhalten. Sehr große Unterschiede gibt es auch in der Tierhaltung. Pro Flächeneinheit sind laut EU doppelt so viele Hühner erlaubt und zwei Drittel mehr Schweine als die Anbauverbände gestatten. Die Tiere haben also teils sehr wenig Platz zum Herumlaufen, was wiederum Auswirkungen auf die Qualität hat. Für mich ist die EU-Öko-Verordnung eher eine technische Anweisung für Produkte, die den Öko- Stempel tragen sollen, als ein ganzheitlicher Ansatz.

? Was machen die Bio-Bauern, die in einem Verband Mitglied sind, denn anders?

! Demeter, Bioland, Naturland, Gäa und die anderen nationalen Anbauverbände haben ein ganz anderes Grundverständnis von der Erzeugung von Lebensmitteln. Sie arbeiten nicht nur in Teilbereichen „Bio“, sondern der gesamte Betrieb ist auf ökologische Landwirtschaft ausgerichtet. Er sollte möglichst wie ein Kreislauf funktionieren. Das heißt: Es wird so viel Futter angebaut, wie die Tiere benötigen, und weitgehend auf Zukäufe verzichtet. Es werden nur so viele Tiere gehalten, wie Exkremente auf den Feldern zum Düngen genutzt werden können, ohne dass der Boden mit Nährstoffen überfrachtet wird. Ein echter Bio-Betrieb wird also sowohl pflanzliche als auch tierische Lebensmittel erzeugen, um dem Grundgedanken des ökologischen Anbaus gerecht zu werden. Bei der Verarbeitung der Rohstoffe zu Lebensmitteln wie Brot, Fleisch- und Wurstwaren oder Pizza schreiben die Verbände die Verwendung von 100 Prozent Bio-Zutaten vor. Die EU gibt sich mit 95 Prozent zufrieden.

? Dann gibt es auf der einen Seite das „echte“ Bio, das auch eine gewisse Tradition und sicher auch seinen Preis hat, und auf der anderen Seite das Billig-Angebot. Steuern wir also auf eine zwei Klassen Bio-Kost zu? Mit den Premium-Produkten auf der einen Seite, die sich nur Besserverdienende leisten können und dem Billig-billig-Segment für die übrigen Bio-Interessierten? 

! Bevor wir über zwei Klassen reden ein Wort zum Preis. Nirgendwo sind Lebensmittel so günstig wie in Deutschland. Die Preise für viele Grundnahrungsmittel haben sich in den vergangenen 20 Jahren kaum oder überhaupt nicht verändert. Das zeigt auch der Aufschrei, der jetzt durch die Bevölkerung geht, wo viele Lebensmittel teurer geworden sind. Ein Bio-Produkt, das vom Anbau über die Verarbeitung und Vermarktung bis hin zum Teller sehr hohe Ansprüche erfüllt, muss seinen Preis haben. Das Saatgut ist teurer, die Erträge sind geringer, der Mitarbeitereinsatz ist höher, es wird ohne Gentechnik gearbeitet und auch die Kulturlandschaft wird erhalten. Wo nur ein Bruchteil der Zusatz- und Hilfsstoffe zum Einsatz kommt, müssen traditionelle Verfahren eingesetzt werden, sei es in der Käseerzeugung, beim Brotbacken oder bei der Saftherstellung durch den Verzicht auf Enzyme und Reifebeschleuniger. Auch das hat seinen Preis, weil Zeit Geld ist.

Natürlich ist es für Menschen mit geringem Einkommen schwierig, sämtliche Lebensmittel beim Biolandbauern zu kaufen. Die Aussage, `Bio muss billiger werden´ halte ich mittelfristig dennoch für falsch. Biokost muss ihren Preis haben, um den Extra-Aufwand zu honorieren.

? Das sagen sie mal Menschen mit niedrigem Einkommen, die hochwertige Bio-Kost essen möchten!

! Es geht doch um die Wertschätzung des Essens. Heute wird nur rund zehn Prozent des Nettoeinkommens für Lebensmittel ausgegeben. Ein Grossteil des Geldes fließt in Freizeitaktivitäten, Urlaube, sportliche Ausrüstungen, Computer und Internet. Auch mit kleinem Geldbeutel kann man aber sagen, `mir ist es wichtig, dass die Grundnahrungsmittel „echtes“ Bio sind´, darum lege ich einen bestimmten Betrag fest, den ich für z.B. Bio-Brot, Milch, Gemüse und Kartoffeln ausgebe. Dafür verzichte ich auf Convenience-Produkte mit Bio-Label wie Pizza, Fertiggerichte oder Backmischungen, weil die oftmals teuer sind.

? Billig-Bio ist trotzdem in. Jeder Discounter hat es. Wird Bio verramscht?

! Jein. Auf der einen Seite steigt der Lebensmitteleinzelhandel immer stärker in das Bio-Thema ein. Alle Discounter haben inzwischen zumindest ein kleines Sortiment. Auf der anderen Seite distanzieren sich zurzeit die traditionellen Bio-Anbieter von Billig-Bio, sei es der Naturkostgroßhandel Denrée, Alnatura oder Erdkorn. Sie positionieren sich mit Qualität und wollen weg von der anonymen Massenware. Alnatura lässt seine Super Naturmärkte seit kurzem von vier regionalen Großhändlern beliefern, weil damit die Herkunft der Ware besser nachvollziehbar ist. Und die „Bio Company“ startete neulich eine Apfel-Aktion mit dem Namen „Gesicht zeigen“. Die Kooperation mit dem Demeter-Obsthof Augustin aus dem Alten Land hatte zum Ziel, die Herkunft der Äpfel transparent zu machen. Mit dem erfreulichen Nebeneffekt, dass der Bio-Supermarkt den Umsatz mit Äpfeln im zweistelligen und der Obsthof sogar im dreistelligen Bereich steigern konnte. Das sind Aktionen, die inhaltlich wirklich Premium sind.

? Premium-Biokost muss also „Gesicht zeigen“, wie auch der Titel der Aktion lautete?
 
! Auf jeden Fall. Zum einen ist dies nötig, weil sie teurer ist. Wenn die Kunden den Mehrwert nachvollziehen können, werden sie sich dies auch etwas kosten lassen. Zum anderen konnte es zu den Lebensmittelskandalen der konventionellen Branche der vergangenen Jahre ja nur kommen, weil keiner mehr den Überblick hatte, wo ein Lebensmittel herkommt und wie es erzeugt wird. Biokost muss da eine Alternative bieten. Sie muss den Weg von der Wiege bis zur Bahre offen legen, aber auch zeigen, dass es Lebewesen sind, die dahinter stehen: Menschen, die ihr Bestes geben und mit dem Auf und Ab der Natur leben müssen. Tiere, die keine Fleischfabriken sind, sondern Lebewesen, die mal mehr und mal weniger Milch geben oder mal zarteres und mal zäheres Fleisch, und Pflanzen, die dem Klima ausgesetzt sind und darum nicht immer gleich wachsen und gedeihen. Es geht also nicht darum, so viel Bio wie möglich in den Markt zu drücken, sondern um eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem Lebensmittel. Letztendlich geht es auch um die Achtsamkeit mit dem, was die Natur zu bieten hat.

? Brauchen wir eine Art Bio-Qualitätsverband?

! Der Naturkosthandel ist die Wiege der Qualität. Er ist aus der jahrzehntelangen Erfahrung heraus dafür prädestiniert, die Werte, für die Naturkost steht, weiter zu entwickeln. Er hat in der jüngeren Vergangenheit schon mehrfach Zeichen gesetzt, wo es lang geht. Ein Beispiel ist die Aromen-Richtlinie des Bundesverbands Naturkost Naturwaren (BNN). Für Bio-Produkte, die nach den EU-Vorgaben erzeugt werden, sind so genannte „natürliche Aromastoffe“ durch die Bank weg erlaubt. Nun haben diese Aromen mit der Natur aber wenig am Hut, sondern werden heute vorrangig von Mikroorganismen im Labor aus Holzstoffen oder aus Abfällen aus der Lebensmittelindustrie produziert. Der BNN folgte nicht dem Mainstream und sagte, `o.k. lassen wir halt natürliche Aromen zu. Die Leute wollen sie eben.´ Er legte stattdessen fest, dass die pseudonatürlichen Aromen nur für einige wenige Produktgruppen eingesetzt werden dürfen. Vorfahrt haben heute Aromen und Aromakonzentrate aus den namengebenden Früchten – das Erdbeeraroma im Demeter-Joghurt stammt also aus echten Erdbeeren und nicht aus Holzfasern.

? Die Kunden müssen aber auch mitspielen und die hohe Qualität wertschätzen?

! Das tun sie auch. Viele Kunden kaufen bewusst im Naturkostfachgeschäft, weil sie den standardisierten Einheitsgeschmack von Billig-Bio nicht wollen. Ein tolles Zeichen der Kunden war es auch, dass sie es geschafft haben, den Basic-Lidl-Deal vorläufig zu stoppen. Die Schwarz-Gruppe (Inhaber des Discounters Lidl) wollte im Herbst ja die Mehrheit an der Bio-Supermarktkette Basic übernehmen. Damit wäre ein Billiganbieter groß in die Bio-Szene eingestiegen und hätte das Geschehen maßgeblich mit gelenkt. Nicht nur verschiedene Hersteller und Großhändler weigerten sich daraufhin Basic weiterhin zu beliefern. Auch die Kunden protestierten durch Boykott und zeigten dem Bio-Supermarkt damit Flagge. Das war ein Selbstreinigungseffekt wie er im Buche steht. Um diese Aktivitäten zu unterstützen, nämlich die Selbstverantwortung der KundInnen und der Erzeuger, Hersteller und Händler für ganzheitliche ökologische Produkte, haben wir ja die Internetplattform „new ethics“ gegründet. Als nächsten Schritt werden wir ab dem Sommer 2008 ein zertifiziertes und kontrolliertes „new ethics-Label“ vergeben, dass dann branchenübergreifend Firmen und Produkten zur Verfügung steht, die bio, öko, fair, nachhaltig, klimaschonend, CO²-neutral, sozial, respektvoll, bewusstseinsbildend usw. sind (siehe auch unter Punkt „new ethics“ auf der Startseite den Punkt „Regeln“).


Das Interview führte Annette Sabersky